Sofortiger Anspruch auf Pflichtteil für Kinder?

Beispielsfall:

Der Tod ihres Vaters traf Elke B. hart. Entsetzt musste sie kurz darauf auch noch zur Kenntnis nehmen, dass die Mutter nicht bereit war, ihr über den Nachlass Auskunft zu erteilen. Und so blieb Elke B nichts anderes übrig, als gegen die eigene Mutter Klage zu erheben. Denn sie war nicht bereit, auf ihren Anteil an Sparkonten und Grundstücken des Vaters zu verzichten. Elke B ist im Recht. Die Mutter muss ihr nicht nur Auskunft über den Nachlass geben, sie hat auch anteilig Anspruch auf das Erbe ihres Vaters. Ihre Eltern hatten ein so genanntes Berliner Testament errichtet (also sich gegenseitig zu Erben eingesetzt), die gemeinsame Tochter Elke aber nicht bedacht. Ohne Testament wäre die gesetzliche Erbfolge eingetreten, Elke als einziges Kind hätte hier die Hälfte des Nachlasses geerbt. Auf Grund des Testaments von dieser Erbfolge ausgeschlossen, steht Elke dennoch ein Anteil zu: der Pflichtteil, in diesem Fall ein Viertel des Nachlasses, während die Mutter drei Viertel beanspruchen kann.

Der Pflichtteil steht grundsätzlich Ehegatten, gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern im Sinne des Gesetzes, den Kindern und Enkeln des Erblassers sowie - sofern Kinder und Enkel – nicht vorhanden sind - den noch lebenden Elternteilen des Erblassers zu. Keinen Anspruch auf ein Pflichtteil haben dagegen Geschwister des Erblassers und andere entferntere Verwandte. Wer ein Testament errichtet, sollte also genau prüfen lassen, ob alle Pflichtteilsberechtigten bedacht sind, damit nach dem Tod Streit vermieden werden kann.

Wenn es viel zu vererben gibt: Vor Abfassung eines Testaments sollte sorgfältig geprüft werden, ob auch alle Pflichtteilsberechtigten berücksichtigt sind. Pflichtteile sind reine Geldansprüche und müssen innerhalb von drei Jahren ab Kenntnis des Erbfalls geltend gemacht werden. Und: Pflichtteile sind gesetzlich verankert und können nur in wenigen Ausnahmefällen ausgeschlossen werden (z. B. schwere Straftat gegenüber Erblasser oder nahen Angehörigen).

Nachdem gerichtlich festgestellt war, dass die Höhe des väterlichen Nachlasses 300.000,-- Euro beträgt, wurde Elke B’s Pflichtteil mit 75.000,-- Euro bestimmt. Die Mutter wurde verurteilt, an sie zu zahlen. Nach dem Urteil einigten sich Mutter und Tochter auf eine Zahlung in drei Raten, damit die Mutter nicht gezwungen ist, laufende Kapitalanlagen vorzeitig zu kündigen und dadurch große Zinsverluste hinzunehmen. Für Elke war dieser Ausgang auch zufrieden stellend, denn nun konnte sie einen großen Teil ihrer Hypothek für die Eigentumswohnung tilgen. Das Wissen und die Berücksichtigung um die Pflichtteilsberechtigten und ihre Ansprüche hätte den Rechtsstreit verhindern und den Frieden in der Familie erhalten können.

 
 

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